i like halle!
Ich brauchte garnicht auf die Uhr zu schauen. Scheiße - verdammt! Schon wieder zu spät für die Achtuhreinundvierzigerbahn. Pfeilschnell hechtete ich die U-Bahn-Treppen hinunter, übersprang elegant einen von diesen Frisiersalonpudeln, der Frauchen gerade zeigen wollte wie toll er das neue Pink findet, indem er pausenlos und scheinbar amüsiert seiner eigenen Afterbommel hinterher jagte, und landete beim letzten Signalton schlitternd vor der summenden Abteiltür der Linie 6. Ich quetschte mich mit aller Kraft durch jene sich schließende und war, siegestrunken, bereit den Applaus der Schicksalsgenossen im Abteil entgegen zu nehmen.
Doch was war das? Kein Applaus, kein Gold und leider auch keine von diesen süßen Hostessinnen, die einem Bussi und Blumen bringen - ich hatte eigentlich mindestens zwei von denen erwartet. Nein. Statt dessen nur verständnislose Glubscher von allen Seiten, und hätte ich nicht, einem Geistesblitz folgend, schnell meinen Alter!-wenn-du-mir-krumm-kommenwillst,-dann-frißt-du-Staub-John-Wayne-Blick aufgesetzt, wer weiß vielleicht hätte dann die alte Schachtel, die sich sorglos auf dem Behinderten-Sitz rekelte, ihr „Dit iß‘ imma ditselbe mit die Ju…“ noch zu Ende krakeelt. Jetzt weiß ich nicht, ob sie einfach nur alt war und alles was nicht, wie sie zu implodieren drohte, haßte oder ob die BVG auch antisemitisches Geschmeiß, zu Normaltarif und ohne Reparationsaufschlag, befördert.
Während ich die Hobbyschnepfe noch gedankenversunken nach Hakenkreuzbinde oder verstecktem Parteiabzeichen absuche, schleicht sich sanft neben einer Tür schwebend ein Engel in mein Blickfeld. Sie war wunderschön. Sie hatte ungefähr die Größe die ich mag, die Haarfarbe auf die ich stehe und schaute mich an mit Augen, für die der Papst den Vatikan an die Araber verkauft - ach was - verschenkt hätte. Ich musterte sie eine Weile, bis ich merkte wie sich ein Speichelfaden an meinem Mundwinkel abseilte und klatschend auf dem Boden zerschellte. Doch ich hatte keine Zeit, mich um verunglückte Bersteiger zu kümmern, und wand meinen Blick wieder der schwebenden Gestalt an der Abteiltür zu.
Nanu? Die Schöne schwebte gar nicht mehr. Und noch schlimmer: Sie redete mit einem anderen - einem häßlichen Proletengnom. Kaum zu fassen, warum ein beträchlicher Teil der sogenannten westlichen Zivilisation, sich mehrmals pro Woche freiwillig unter den Toaster legt und sich die Lederhaut solange brutzelt, bis kein Dermatologe mehr Sonne sieht. Noch weniger zu fassen ist, warum ein Engel wie sie mit so etwas Konversation trieb. „Geht das überhaupt?“, fragte ich mich, und mußte mitansehen, daß es ging. Keine Gebärden- oder andersartige Zeichensprache, keine SMS - einfach ganz klassisch, redeten sie miteinander. Angeregt. Das war ich eben auch noch, als sie mir diesen Blick zu warf, der sagte: „Komm, Süßer! Gehen wir in den Fahrerstand und treiben es wie die Zugführer!“ Jetzt hatte er den Blick an der Backe und ich schoss ihn in Gedanken durch den ganzen U-Bahn-Tunnel - bis nach Alt-Mariendorf, wo er hingehörte.
„Nächster Halt: Hallesches Tor. Ausstieg: Links“, drang eine Stimme in mein Ohr. Nochmal: Scheiße! Ich war zu weit gefahren. Doch: Oh Wunder! Der Engel kam mit einem Lächeln zum BVG-anzünden auf mich zu. Sie öffnete ihre Schneewittchenlippen und sagte: „Ihren Fahrschein, bitte!“ „W-was?“stammelte ich. „Ihren Fahrschein, bitte!“ wiederholte sie nicht minder freundlich. Der Gnom stand jetzt neben ihr und glotzte dummdreist. „Ach so läuft das also!“, brach es aus mir heraus, „Erst die Rollige raushängen lassen, und dann blitzschnell mit dem Messer in den Rücken und auch noch umdrehen, was?“ „Hä?“, warf sie immer wieder ein, während der Zwerg jetzt nicht mehr dummdreist, sondern nur noch dumm glotzte.
Sie hätte von mir jeden Schein bekommen den sie wollte. Ich hätte ihr sogar Unterricht gegeben. Einen Fahrschein hatte ich nicht. Ich gab dem Zwerg vierzig Euro, mit denen die beiden bestimmt ordentlich einen drauf gemacht haben. Jetzt wußte ich: auch Engel können fallen, scheinbar sogar sehr, sehr tief.







